Es brauchte Milliarden an Entschädigungszahlungen und ein seit Jahren überlastetes Stromnetz, bis Deutschland (endlich) eine simple Erkenntnis eingestand: Windparks lassen sich nicht beliebig ausbauen, wenn die Infrastruktur nicht Schritt hält. Nun versucht Berlin, den Kurs zu korrigieren.
Eine späte Korrektur
Seit über fünfzehn Jahren investiert Deutschland massiv in die Windenergie – mit spektakulärem Resultat: In manchen Regionen wird inzwischen so viel Strom produziert, dass das Netz diesen gar nicht mehr abtransportieren kann. Ist das Netz überlastet, müssen Betreiber ihre Anlagen drosseln oder ganz abschalten. Bei diesem Verfahren («redispatch» genannt) ist es tatsächlich so, dass die Betreiber für die Zwangsabschaltungen finanziell entschädigt werden. Die Rechnung geht in die Milliarden zulasten des Staates.
Um diese Schieflage zu beheben, schlägt die deutsche Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina Reiche, vor, neue Projekte in bereits überlasteten Netzgebieten zu begrenzen. Zudem sollen künftig keine Entschädigungen mehr fliessen, wenn neue Anlagen wegen fehlender Transportkapazität abgeschaltet werden müssen.
Mit anderen Worten: Produzieren ja, aber nur, wenn der Strom auch tatsächlich abgeleitet werden kann. Unter diesen Bedingungen ist der Ausbau neuer Windparks klar infrage gestellt – und zwar für viele Jahre.
Das einstige europäische Zugpferd der Energiewende überarbeitet somit seine Strategie grundlegend. Eine Kehrtwende mit Signalwirkung auch über die Landesgrenzen hinaus.
Deutschland hustet… und die Schweiz bekommt den Pfnüsel?
Für die Schweiz wären die Folgen indirekt, aber spürbar. Unser Land ist in den europäischen Strommarkt eingebunden und grosse Energieunternehmen wie Axpo, BKW oder Alpiq haben kräftig in Windkraft in Deutschland investiert – angelockt von äusserst attraktiven finanziellen Rahmenbedingungen.
Mit dem Berliner Kurswechsel, insbesondere dem angekündigten Ende der Entschädigungen bei Zwangsabschaltungen, verliert dieses Geschäftsmodell jedoch abrupt an Reiz. Für Investoren ist das ein ernüchternder Realitätscheck: Windenergie bleibt eine volatile, wetterabhängige Produktionsform, die jederzeit auf Backup-Lösungen angewiesen ist, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Ein «Detail», das lange bequem war – solange es grosszügig subventioniert wurde.
Dreht Deutschland morgen den Subventionshahn zu, dürfte sich die Investitionsbereitschaft europaweit abkühlen. Weniger Garantien, mehr Unsicherheiten. Das genügt oft, um Projekte ins Stocken zu bringen, die zuvor als gesetzt galten. Die Windbranche könnte damit auch hierzulande an Dynamik verlieren.
Eins nach dem anderen…
Windkraft im grossen Stil auszubauen, ohne gleichzeitig die Netzinfrastruktur anzupassen, bedeutet schlussendlich: In Produktionen investieren, bevor Transportwege dafür geschaffen sind. Es ist, als würde man einen Ferrari kaufen und ihn nur mit 30 km/h fahren können. Die Kosten bleiben jene eines Sportwagens, die Leistung jedoch nicht.
Denn neben den Installationskosten bestimmen vor allem Speicherung, Netzstabilisierung und das Management von Ungleichgewichten die effektiven Gesamtkosten. Diese Aspekte werden politisch gerne in den Hintergrund gedrängt – dabei entscheiden sie über die Funktionsfähigkeit, Nachhaltigkeit und schlussendlich Glaubwürdigkeit der gesamten Energiepolitik.
Künftig wird man sich vor jeder Ankündigung neuer Projekte die Frage stellen müssen, ob deren Integration ins System technisch machbar ist und was sie effektiv kosten.
Freie Landschaft Schweiz, Mdg
- Reiche plant Vollbremsung für Wind- und Solaranlagen / Concernant les restrictions de raccordement et l’abandon possible d’indemnités Redispatch pour les nouveaux raccordements.
https://www.t-online.de/heim-garten/aktuelles/id_101120730/netzpaket-reiche-plant-die-vollbremsung-fuer-wind-und-solaranlagen.html - Neues Netzpaket von Reiche: “Frontalangriff auf die Energiewende” / Réactions du secteur aux propositions de réforme, notamment la fin du raccordement prioritaire et contributions financières au réseau.
https://www.t-online.de/heim-garten/aktuelles/id_101121408/netzpaket-von-katherina-reiche-frontalangriff-auf-die-energiewende-.html - Einspeisevergütung vor Abschaffung / Clarification de la suppression de la rémunération garantie pour les installations solaires à partir de 2027.
https://www.t-online.de/heim-garten/aktuelles/id_101112382/einspeiseverguetung-vor-abschaffung-plaene-machen-pv-anlagen-unattraktiver.html - So funktioniert der Redispatch / Qu’est-ce-que le Redispatch ? https://www.swissgrid.ch/fr/home/newsroom/blog/2025/quand-le-reseau-electrique-est-sous-pression.html
https://www.t-online.de/heim-garten/energie/id_101094548/strom-redispatch-erklaert-diese-massnahmen-verhindern-den-blackout-.html[Md1]
