Jährlich 2 Terrawattstunden Strom, davon 50% im Winter – dies war das grosse Versprechen des Solar-Express. Die Schweizer Politik machte sich nach ihrem Entscheid vom 30. September 2022 grosse Hoffnungen. Aufgrund einer drohenden Strom-Mangellage überstürzten sich damals die Ereignisse: Auf einmal waren plötzlich riesige Solarparks in der freien Natur zulässig, ohne Richtplanung und mit einem beschleunigten Verfahren.
Drei Jahre danach ist vom Solar-Express kaum mehr etwas übrig. Die Hälfte der 60 Anlagen wurde bereits sistiert, abgelehnt oder zurückgezogen. Doch der Bund und die Hochschulen kaschieren die Situation derzeit mit fehlerhaften Karten und Listen. Freie Landschaft Schweiz bemüht sich derweil, bei der Windkraft mit einer vollständigen Übersichtskarte den Überblick zu behalten.
In der Schweiz haben Solarparks in den Alpen viele Parallelen mit Windkraftanlagen. Sie bringen einen grossen Schaden für die Natur und Landschaft, aber nur wenig Nutzen. Anwohnende und Umweltverbände wehren sich häufig gegen die Bauvorhaben. Für Solar- und Windparks müssen enorme Geldmengen in Form von Subventionen aufgewendet werden, damit überhaupt ein Investor bereit ist, eine Anlage zu planen. Ausserdem verbrauchen Windkraftanlagen und Solarparks gewaltige Mengen an Baumaterialien und befinden sich häufig an abgelegenen Standorten, was logistische Herausforderungen mit sich bringt. Und dann sind Solar- und Windparks wetterabhängig und produzieren meistens wenig oder nichts, aber manchmal produzieren sie so viel Strom, dass das Netz an die Belastungsgrenze kommt.
Politik setzt auf falsche Hoffnungsträger
Besonders in einem Punkt gleichen sich Windkraftanlagen und Solarparks: Ihre Bedeutung wird von der Politik völlig überschätzt. Die Schweiz braucht jährlich 60 TWh/Jahr Strom, die prognostizierte Winterstromlücke beträgt 20 TWh, und es ist anzunehmen, dass wir wegen der Elektrifizierung und Dekarbonisierung im Jahr 2050 bis zu 100 TWh Strom brauchen. Schalten wir alle Kernkraftwerke ab, fehlt ausserdem ein Drittel der aktuellen Stromproduktion.
Als im Sommer 2022 von den Medien panikartig eine Strommangellage vorausgesagt wurde, konnten sich die Stromkonzerne die Finger reiben. Ein eindrückliches Lobby-Powerplay führte dazu, dass das Parlament, angeführt von den Ständeräten Beat Rieder und Ruedi Noser, innert 3 Wochen den „Solar-Express“ verabschiedete. Dieser hatte zum Ziel, möglichst schnell verschiedene gigantische Projekt-Ideen zu realisieren: Riesige Flächen in den Alpen sollten mit Solarpanels überbaut werden, um eine drohende Winterlücke zu verhindern. Der Naturschutz wurde im Schnellverfahren geopfert, 60% Subventionen à-fonds-perdu gesprochen. Das einzige ernsthafte Mittel, das bei Solarparks noch zum Widerstand blieb, war das Vetorecht der Standortgemeinden.
Die Illusion in den Alpen
Die Krux: Die Projekte, welche damals zur Debatte standen, waren reine Fiktion. Es gab noch keine einzige vergleichbare Anlage in Europa, ja nicht einmal eine Machbarkeitsstudie für Solarparks in der Schweiz. Viele technische Unsicherheiten blieben offen, zum Beispiel die Schneebelastung der Anlagen im Winter – also genau dann, wenn die Anlagen am meisten Strom liefern sollten. Oder die Standfestigkeit der Anlagen, da diese vor allem in alpine Steilhänge gebaut werden sollten.
Kurz: Die Idee des Solar-Express war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Wie steht es Ende 2025 um den Solar-Express?
Es gibt zwei Portale mit Übersichtskarten, welche gemäss den Portalbetreibern alle Solarparks in der Schweiz darstellen sollen. Beim einen Portal handelt es sich um die Karte des Departements von Bundesrat Albert Rösti, dem UVEK (Bundesamt für Energie). Beim andern Portal handelt es sich um die Karte von vier Hochschulen, der Website alpine-pv.ch.
Die Karte des Bundes listet 14 öffentlich aufgelegte, 7 erstinstanzlich bewilligte, 4 rechtskräftig bewilligte, 2 teilweise in Betrieb befindliche, 0 vollständig in Betrieb stehende und 0 abgelehnte oder zurückgezogene Projekte auf. Insgesamt sind das 27 Solarparks auf der Liste. Per November 2025 rechnet der Bund mit einer jährlichen Gesamtstromproduktion von 0.6 TWh, wenn all diese Solarparks errichtet würden.
Die Karte der vier Hochschulen listet 54 Solarparks auf, ausserdem 9 Solarparks an oder auf Staumauern. 23 Solarparks seien öffentlich aufgelegt, erstinstanzlich oder rechtskräftig bewilligt. 5 Solarparks seien im Bau, 0 seien fertiggestellt. 7 weitere Solarparks seien sistiert – und 20 Solarparks wurden von der Bevölkerung abgelehnt oder von den Projektanten aufgegeben.
Bund verheimlicht gescheiterte Projekte
Allein der Vergleich zwischen den beiden Karten zeigt auf, dass man beim Bundesamt für Energie nicht viel Wert auf Vollständigkeit legt. Sämtliche abgelehnten oder aufgegebenen Projekte werden konsequent ausgeblendet und gar nicht aufgelistet – obwohl dafür ein Symbol in der Legende vorhanden wäre!
Bei genauerem Vergleich zwischen den Karten zeigen sich weitere Unterschiede und Fehler. Bei der Bundeskarte ist beispielsweise das Projekt „Felsenstrom“ am Walensee als „öffentlich aufgelegt“ eingetragen. Auf der Karte der Hochschulen fehlt es komplett. Dabei handelt es sich um ein bekanntes Leuchtturm-Projekt des Solar-Express, das nach Einsprachen und aus technischen Gründen vom Projektanten zurückgezogen worden ist. Ebenso fehlt der vom Volk abgelehnte Solarpark der IWB im jurassischen St-Brais in den Freibergen auf beiden Karten. Auch der Solarpark Belpmoos fehlt auf beiden Karten.
Man kann also davon ausgehen, dass es rund 70 Solarpark-Projekte in der Schweiz gibt. Darunter sind rund 10 kleine Anlagen, die bereits an oder auf Staumauern realisiert worden.
Viel geplant, wenig realisiert
Von den restlichen 60 Solarparks sind die Hälfte, also 30 Anlagen, unterdessen von der Bevölkerung abgelehnt, vom Projektanten zurückgezogen oder sistiert worden. Nur 5 Solarparks sind im Bau oder schon teilweise im Betrieb. Keine einzige Anlage ist fertiggestellt. Und diejenigen, welche im Bau sind, lohnen sich voraussichtlich selbst mit 60% Subventionierung nicht, denn die Baukosten sind wegen der logistischen Herausforderungen meistens deutlich höher als geplant.
Es ist unwahrscheinlich, dass von den restlichen rund 25 Solarparks, die derzeit in Planung sind, alle zustande kommen. Man darf davon ausgehen, dass es am Ende vielleicht zwei, oder auch nur ein Dutzend Solarparks sind, die in der Schweiz überhaupt zustande kommen.
Von den 2 TWh Gesamtstromproduktion pro Jahr, welche sich die Politik erhofft hat, bleibt wahrscheinlich nicht einmal ein Viertel übrig, also maximal 0.5 TWh Jahresproduktion. Das ist weniger als 1% der Schweizer Stromproduktion. Und ob die Anlagen dann tatsächlich auch einen wesentlichen Anteil im Winter erzielen können, ist erst recht unsicher.
Das Ergebnis: Was eigentlich ein Motor für die Energiewende sein sollte, illustriert nun vor allem die Entgleisungen einer Politik, die in aller Hektik, ohne Planung und auf Kosten eines vorhersehbaren Chaos verfolgt wurde.
Freie Landschaft Schweiz betreibt eine seriöse Windpark-Karte
Bei der Windenergie wird es nicht zu einem solchen Informationschaos kommen. Freie Landschaft Schweiz betreibt auf der eigenen Verbandswebsite (direkt abrufbar unter www.windparks.ch) eine vollständige und aktualisierte Übersichtskarte über alle geplanten Windparks in der Schweiz. Derzeit wird die Karte gerade revidiert, da im Kanton Zürich rund ein Dutzend Windparks doch nicht in den Richtplan aufgenommen werden soll.
Im Gegensatz zum Solar-Express werden in der Schweiz sehr viel mehr Windkraftanlagen geplant: Der Bund plant den Bau von rund 1‘200 Windkraftanlagen an über 150 Standorten. Bereits sind rund 50 grosse Windkraftanlagen an rund 10 Standorten in Betrieb.
