Die Windenergie an Land gilt als unverzichtbare Säule der Energiewende und geniesst entsprechend ein überwiegend positives Image. Doch je mehr Windparks entstehen und je weiter die wissenschaftlichen Erkenntnisse fortschreiten, desto deutlicher werden ihre Auswirkungen auf die Tierwelt und die Ökosysteme. Ein Überblick.
Fortschritte bei der Windkraft-Forschung
In den letzten zwei Jahrzehnten hat die wissenschaftliche Forschung grosse Fortschritte bei der Bewertung der ökologischen Auswirkungen von Windkraftanlagen gemacht. Mehrere internationale Analysen und Studien ermöglichen inzwischen ein deutlich besseres Verständnis ihrer Effekte auf Fauna und Ökosysteme. Gleichzeitig befinden sich zahlreiche Windparkprojekte in Planung oder in der Erweiterungsphase – in vielen europäischen Ländern, darunter auch die Schweiz. Die ökologischen Folgen dieser Infrastrukturen zu verstehen, ist daher längst keine theoretische Frage mehr, sondern eine gut erforschte Herausforderung für Raumplanung und Biodiversitätsschutz.
Eine weltweite Expansion mit zunehmenden ökologischen Folgen
Weltweit sind derzeit über 17’000 Windparks in Betrieb, was rund 375’000 aktiven Windturbinen entspricht (Global Renewables Watch, 2. Quartal 2024). Diese Ausbreitung betrifft vor allem China, Südeuropa, Südamerika sowie einige Regionen Ostafrikas.
Viele dieser Anlagen werden jedoch in der freien Natur oder in naturnahen Landschaften errichtet – also in Gebieten, die oft zu den letzten Rückzugsräumen für Tierarten zählen, die bereits durch intensive Landwirtschaft, Urbanisierung oder den Klimawandel bedroht sind. Das Problem ist, dass sich dort die Belastungen summieren: Ein Vogel kann etwa durch neue Strassen und Siedlungen Lebensraum verlieren, gleichzeitig aufgrund von Pestiziden weniger Insekten als Nahrung finden und zusätzlich einem Kollisionsrisiko durch Windturbinen ausgesetzt sein. Das ist eine ganze Menge. Auch wenn jeder einzelne Faktor für sich genommen gering erscheinen mag, wiegt ihre Summe am Ende schwer. In der Ökologie spricht man von „kumulativem Druck“.
Sichtbare Auswirkungen auf Lebensräume … auch im Luftraum
Eine Windturbine zu platzieren bedeutet weit mehr, als einen Mast in den Boden zu setzen. Jedes Projekt erfordert Zufahrtsstrassen, grossflächige Erdarbeiten, das Verlegen oder Vergraben von Kabeln sowie den Bau von Umspannwerken. Diese Infrastrukturen zerschneiden natürliche Lebensräume, schaffen Störzonen für Wildtiere und belasten Ökosysteme, die häufig bereits unter Druck stehen.
Hinzu kommt ein oft unterschätzter Aspekt: die Nutzung des Luftraums. Moderne Turbinen überragen häufig 200 Meter Höhe, und ihre Rotorblätter durchstreifen enorme Luftvolumen. Fliegende Arten nutzen den Luftraum nicht nur zum Durchqueren, sondern es ist ihr Lebensraum für Migration, Jagd und Fortpflanzung. Wird er verändert oder gefährlicher, hat dies unmittelbare Folgen für das Überleben der betroffenen Populationen.
Todesfälle durch Kollisionen, aber nicht nur
Kollisionen mit Rotorblättern stellen die sichtbarste und am besten dokumentierte Auswirkung dar. Die Hauptopfer sind, wenig überraschend, Vögel und Fledermäuse.
Bei den Vögeln sind besonders Greifvögel gefährdet. Ihr Flug hängt stark von Aufwinden ab, die durch Geländeformen entstehen. Dadurch folgen sie natürlicherweise den Bergkämmen – genau jenen Standorten, an denen Windturbinen besonders häufig errichtet werden. Arten wie der Rotmilan, der Steinadler oder verschiedene Falken weisen Todesraten auf, die ausreichen, um die Entwicklung lokaler oder sogar regionaler Populationen zu beeinflussen. Die jüngsten wissenschaftlichen Schätzungen gehen im Durchschnitt von 3 bis 7 getöteten Vögelnpro Turbine und Jahr aus (alle Arten zusammen). Hochgerechnet auf die weltweite Zahl der Anlagen entspricht dies zwischen 1,2 und 2,8 Millionen getöteten Vögeln jährlich.
Andere Arten sind zwar weniger direkt von Kollisionen betroffen, reagieren jedoch sehr empfindlich auf Störungen. Zum Beispiel die Feldlerche, die am Boden nistet, meidet systematisch Bereiche in der Nähe von Windturbinen. Studien zeigen eine deutliche Abnahme ihrer Gesangsaktivität, der Revierverteidigung und der Fortpflanzung in einem Umkreis von bis zu 300 bis 400 Metern um Windanlagen. In manchen Regionen gehen bis zu 40% der Brutreviere im Umfeld von Windparks verloren, da diese Gebiete für die Vögel faktisch unbewohnbar werden.
Fledermäuse – oft vergessene Opfer
Noch stärker betroffen sind Fledermäuse. Studien zeigen eine durchschnittliche Sterberate von 12 bis 14 Individuen pro Turbine und Jahr – weltweit also fast 5 Millionen getötete Fledermäuse jährlich. Diese Todesfälle entstehen sowohl durch direkte Kollisionen als auch durch sogenannte Barotraumata, also innere Verletzungen, die durch abrupte Luftdruckveränderungen in der Nähe der Rotorblätter verursacht werden.
Fliegt eine Fledermaus in die Nähe einer rotierenden Turbine, fällt der Luftdruck um sie herum plötzlich ab. Dabei können Lungen und Blutgefässe reissen – selbst ohne direkten Kontakt mit dem Rotorblatt. Das Phänomen lässt sich mit dem vergleichen, was bei einem Taucher passiert, der zu schnell an die Wasseroberfläche aufsteigt: Der Druck ändert sich abrupt und das kann schwere innere Schäden verursachen.
Besonders dramatisch ist dies, weil Fledermäuse sich – im Gegensatz zu den meisten Vogelarten – nur sehr langsam fortpflanzen. Ein Weibchen bringt in der Regel nur ein Jungtier pro Jahr zur Welt. Zudem reagieren diese Tiere sehr empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraums.
Am Ende gilt: Auch wenn Windturbinen insgesamt weniger Tiere töten als Katzen, Autos oder Kollisionen mit Glasscheiben, sind ihre ökologischen Folgen besonders gravierend. Häufig betreffen sie seltene Arten mit langsamer Fortpflanzung, deren Bestände bereits durch andere Umweltfaktoren geschwächt sind. Für einige Zugvogelarten gehören Kollisionen mit Windturbinen inzwischen zu den wichtigen Ursachen ihres Rückgangs.
Verhaltensänderungen und Kettenreaktionen
Neben direkten Todesfällen verändert die Präsenz von Windturbinen auch das Verhalten vieler Tierarten. Einige meiden die betroffenen Gebiete und müssen ihre Zug- oder Jagdwege verlängern, wodurch sie mehr Energie verbrauchen – ein zusätzlicher Stressfaktor, der besonders im Winter problematisch sein kann, wenn Nahrung knapp ist.
Andere Arten werden hingegen von den Insekten angezogen, die sich um die nächtliche Beleuchtung der Windturbinen sammeln, was wiederum das Kollisionsrisiko erhöht.
Schliesslich zeigen Studien an verschiedenen Säugetieren klare Stress- und Vermeidungsreaktionen, die langfristig die Struktur von Tiergemeinschaften und das ökologische Gleichgewicht vor Ort verändern können.
Wenn Prävention an wirtschaftlichen Interessen scheitert
Massnahmen zur Verringerung von Kollisionen mit Vögeln und Fledermäusen existieren durchaus. Besonders wirksam ist etwa das zeitweise Abschalten der Turbinen während Zugperioden (sogenanntes «Curtailment»). In der Praxis wird diese Massnahme jedoch selten umgesetzt, da jede Stunde Stillstand die Stromproduktion (und damit die Einnahmen der Betreiber) reduziert.
Langfristig bleibt die Standortwahl die wirksamste Schutzmassnahme für die Tierwelt: Windparks sollten möglichst in ökologisch wenig sensiblen Gebieten errichtet werden. Doch auch hier überwiegen häufig wirtschaftliche Interessen gegenüber ökologischen Kriterien.
Technische Zusatzlösungen – etwa das Bemalen von Rotorblättern oder visuelle beziehungsweise akustische Warnsysteme, die Tiere abschrecken sollen – reduzieren Kollisionen bislang nur marginal. Auch ökologische Ausgleichsmassnahmen können weder den Verlust von Individuen noch die Zerstörung zentraler Lebensräume vollständig kompensieren.
Ist der Preis gerechtfertigt?
Nach mehr als zwanzig Jahren Forschung drängt sich eine Feststellung auf: Windenergie an Land ist weder ökologisch neutral noch per se positiv. Ihre Auswirkungen auf Lebensräume, Arten und ökologische Gleichgewichte sind strukturell, erheblich und inzwischen gut dokumentiert. Sie zu ignorieren bedeutet, das Klimaproblem in eine Biodiversitätskrise zu verschieben.
Diese Grenzen anzuerkennen heisst nicht, die Energiewende abzulehnen. Im Gegenteil: Es bedeutet, sie mit klarem Blick zu gestalten – unter Berücksichtigung der Ökosysteme, von denen auch unsere Fähigkeit abhängt, uns an den Klimawandel anzupassen.
Eine Frage der Ethik
In einer Zeit, in der ein massiver Ausbau der Windenergie an Land geplant wird, ist die Frage daher nicht mehr nur technischer oder wirtschaftlicher Natur. Sie ist auch eine ethische und ökologische.
Windturbinen weiterhin in sensiblen Naturräumen zu errichten, obwohl ihre Auswirkungen auf die Biodiversität bekannt und dokumentiert sind, ist weniger Ausdruck einer überlegten Strategie als vielmehr eine riskante Wette – auf Kosten der Natur.
Freie Landschaft Schweiz, MdG
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