Hinter dem Image als «grünes» und wohlmeinendes Unternehmen baut die Windenergie Schweiz AG (WES AG) ihre Projekte diskret in mehreren Regionen der Schweiz aus. Dabei stützt sich die Firma auf das verlockende Konzept der «Bürgerwindparks». Auf dem Papier wirkt die Idee attraktiv: Gemeinden, Landwirte und Anwohner werden an den lokalen Anlagen beteiligt, Gewinne werden geteilt und die Energieunabhängigkeit wird gestärkt. Doch hinter diesem partizipativen Versprechen verbirgt sich ein Modell, das an jenes des deutschen Giganten BayWa r.e. erinnert – Rentabilität hat tendenziell Vorrang vor Transparenz, und Umweltanliegen rücken in den Hintergrund (siehe unseren News-Artikel vom 13. März 2026). Freie Landschaft Schweiz beobachtet dieses Unternehmen seit Jahren und präsentiert heute eine chronologische Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse.
Gepflegtes Image, aber wenig transparente Grundlagen
Gegründet im Jahr 2017 präsentiert sich die «Windenergie Schweiz AG» als erfahrenes Unternehmen und gibt an, am Bau von «rund 500 Windkraftanlagen in Europa» beteiligt gewesen zu sein. Umso erstaunlicher erscheint, dass in der Schweiz bislang noch kein Projekt realisiert wurde. In der Praxis zeigt sich, dass die WES AG nahezu überall auf starken Widerstand stösst – seitens der Bevölkerung, von Umweltverbänden und teilweise sogar von lokalen Partnern. Die Kritik richtet sich meist gegen mangelnde Transparenz und eine als zu einseitig empfundene Kommunikation – Punkte, auf die wir noch eingehen werden.
Das Unternehmen, das mittlerweile acht Jahre besteht, wird heute finanziell von der Französischen Investoren-Gruppe «Eifel Investment» aus Paris unterstützt, die im Dezember 2024 eingestiegen ist und über zwei Sitze im Verwaltungsrat verfügt. Das Aktienkapital bleibt jedoch sehr bescheiden (128’000 CHF), und weder die tatsächlich investierten Beträge noch der effektive Wert der Anteile sind öffentlich bekannt. Seit 2024 ist die WES AG als mittelgrosses Unternehmen eingestuft, mit einem geschätzten Umsatz zwischen 10 bis 50 Millionen CHF und einem Team von null bis neun Mitarbeitenden. Die WES AG verfügt über Büros in Aarau, in den Räumlichkeiten der Treuhandgesellschaft Welte Treuhand. Diese Adresse wird mit rund zwanzig weiteren (hauptsächlich deutschen) Gesellschaften geteilt, was eher auf eine Briefkasten-Firma als auf einen operativen Hauptsitz hindeutet.
Umstrittene Projekte im ganzen Land
Überall, wo die Firma Fuss zu fassen versucht, folgt die Windenergie Schweiz AG demselben, gut eingespielten Schema: Stark kontrollierte öffentliche Präsentationen und kaum Raum für freie Debatten, wodurch der Eindruck entsteht, die Projekte seien bereits vorentschieden, bevor sich die Bevölkerung überhaupt dazu äussern konnte. Das sorgt für mehr oder weniger Widerstand.
Beispielsweise sorgte eine Veranstaltung der Firma in Escholzmatt-Marbach, nahe dem Napf (Kanton Luzern), für Aufsehen, da so stark für Bürgerbeteiligung geworben wurde, dass der Anlass als Marketingübung in Erinnerung blieb. Mehrere Anwohner sprachen von einer Scheinkonsultation.
In Murzelen, nordwestlich von Bern, brachte die lokale Mobilisierung der Bevölkerung ein Projekt der WES AG innert kurzer Zeit zu Fall, weil es als zu gross dimensioniert, zu nahe an Wohngebieten und in einer windarmen Region gelegen kritisiert wurde.
Im Emmental enthielten die Verträge für Landwirte und Grundeigentümer auf der Schonegg (Gemeinde Sumiswald) sogar Bestimmungen zu den Rückbaukosten für die Anlagen – ein Hinweis auf die Risiken eines Modells, das die lokale «Bürger-Beteiligung» als Vorteil darstellt, wobei damit vor allem ein Grossteil der Risiken auf lokale Akteure abgewälzt wird, und nicht bloss die Gewinnaussichten.
In Diessbach und Büetigen im Berner Seeland nahm das Unternehmen Kontakt mit zahlreichen Grundeigentümern auf, um einen Windpark mit rund zehn Windkraftanlagen zu errichten. Die Burgergemeinde von Diessbach unterzeichnete eine Vereinbarung, um sich Einnahmen zu sichern, welche sie mit der Waldbewirtschaftung niemals hätte erträumen können. Während die finanziellen Vorteile hervorgehoben werden, bringen die vertraglichen Verpflichtungen jedoch vor allem grosse Verantwortlichkeiten und erhebliche Risiken für die lokalen Akteure mit sich. Der Widerstand und die Skepsis in den betroffenen Gemeinden ist offensichtlich sehr gross.
Jüngstes Kapitel in der Geschichte der «Windenergie Schweiz AG» ist ein geplanter Windpark in der Gemeinde Kirchlindach, nördlich von Bern, im Waldgebiet Lindechwald–Kohlholz. Diese Region wurde 2024 von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL-FP) zur «Landschaft des Jahres» erklärt und ist dennoch Ziel eines Projekts mit fünf rund 200 Meter hohen Windturbinen östlich des Frienisbergs. Bereits nach der öffentlichen Präsentation im Oktober 2025 formierte sich Widerstand. Die Vereinigungen «Gegenwind Frienisberg» und «Stopp Windpark Kirchlindach» befürchten Eingriffe in Wald und Fauna, während die Stiftung Landschaftsschutz das Projekt als unvereinbar mit dem aussergewöhnlichen Charakter des Gebiets beurteilt. Selbst der Gemeinderat mahnt zur Vorsicht, wobei allerdings ein einzelner Gemeinderat bei einem Projektpartner, einem Ingenieurbüro aus Bern, persönlich angestellt ist. Die Bevölkerung soll sich 2026 zum Projekt äussern dürfen.
Überall das gleiche Modell
Wie die bekannte Firma BayWa r.e. behauptet auch die WES AG, einen nachhaltigen und bürgernahen Ansatz zu verfolgen. Ihr Geschäftsmodell basiert jedoch stark auf öffentlichen Subventionen und häufig auf zu optimistischen Windprognosen. In windarmen Gebieten benötigen solche Windparks gigantisch hohe Anlagen, um wirtschaftlich zu sein – mit entsprechend massiven Auswirkungen auf das Landschaftsbild. Und je nach vertraglichen Modalitäten (insbesondere im Fall eines Betreiber-Ausfalls) werden die finanziellen Folgen im schlimmsten Fall letztlich von den offiziell mitbeteiligten Grundeigentümern oder öffentlichen Körperschaften getragen, und nicht vom Projektentwickler.
Eine fragwürdige Unternehmensführung
Die Verwaltungsratspräsidentin Martina Nigg weist öffentlich keine ausgewiesene Ausbildung oder Erfahrung in den Bereichen Energie, Umwelt oder Raumplanung auf. Branchenbeobachter zweifeln bei der ehemaligen Bankangestellten – unter anderem bei der Credit Suisse – wegen des Mangels an ausgewiesener Fachkompetenz an den technischen Fähigkeiten an der Unternehmensspitze.
Eine weitere einflussreiche Person in der WES AG ist Georg Persigehl, Mitgründer der Windenergie Schweiz AG und zugleich Initiant der deutschen Firma Reencon GmbH. Dieses ebenfalls in der Schweiz aktive Ingenieurunternehmen ist auf Planung und Analyse von Windkraft-Projekten, Optimierung von Stromnetzen sowie wirtschaftliche Bewertung von Energieinfrastrukturen spezialisiert. Die Nähe der beiden Strukturen deutet darauf hin, dass die Schweizer Projekte in ein weitgehend in Deutschland entwickeltes Kompetenznetz eingebettet sind.
Damit erscheint die Windenergie Schweiz AG – trotz ihres Namens – letztlich weniger schweizerisch, als es den Anschein macht. Mehrere Schlüsselpersonen sind in beiden Strukturen tätig, was darauf hindeutet, dass Konzeption und Ausrichtung der Projekte eben nicht lokal und auch nicht «Schweiz» sind. Eng mit Reencon verbunden, wirkt die WES AG eher wie deren operative Schweizer Niederlassung als wie ein unabhängiges Unternehmen.
Daraus ergibt sich eine zentrale Frage: Könnten die finanziellen Ströme (einschliesslich öffentlicher Subventionen) in erster Linie Akteuren im Ausland zugutekommen – während Risiken, Belastungen und landschaftliche Veränderungen lokal getragen werden müssen?
Eine zweiseitige Energiewende
Vom Seeland bis in den Kanton Luzern scheinen sich ähnliche Szenarien zu wiederholen: Sorgfältig inszenierte Kommunikation, Versprechen lokaler Verankerung und Gewinnbeteiligung, gefolgt von wachsender Skepsis, sobald die Bevölkerung das tatsächliche Ausmass der Projekte erkennt.
Martina Nigg betont, alle Umweltauswirkungen würden «rigoros geprüft». Dennoch haben viele Anwohner den Eindruck, ihre Region diene vor allem als Standort für Projekte, die andernorts konzipiert wurden und primär ausländischen wirtschaftlichen Interessen dienen.
Das Schweizer Windgeschäft und seine Widersprüche
Anhand ihrer Projekte veranschaulicht die Windenergie Schweiz AG die Spannungen im Bereich der Energiewende, welche zu einem äusserst attraktiven Investitionsfeld geworden ist. Die Präsenz von ausländischen Finanzakteuren zeigt, dass «grüne Initiativen» nicht allein von Umweltzielen getragen, sondern Teil wirtschaftlicher Strategien sind. Hinter dem präsentierten «grünen» Image nehmen finanzielle Interessen eine zentrale Rolle ein.
Zusammenfassung – das Wichtigste in Kürze:
- Mehrere geplante Windprojekte in verschiedenen Regionen der Schweiz werfen Fragen zu Unternehmensführung, Finanzierung und tatsächlicher lokaler Verankerung auf.
- Projektentwickler stellen häufig sogenannte «Bürger-Modelle» in den Vordergrund, die Beteiligung der Gemeinden und Gewinnbeteiligung der Anwohnenden versprechen. Wiederkehrende Kritik bemängelt jedoch unzureichende Transparenz und bereits vorweggenommene Entscheidungen ohne echte Mitsprache.
- Einige Entwickler wie die «Windenergie Schweiz AG» profitieren von der Unterstützung ausländischer Investitionsgruppen, wobei Finanzierungsmodelle öffentlich wenig detailliert sind. Enge Verflechtungen zwischen Projektträgern, Planern und technischen Experten werfen zudem Fragen zur Unabhängigkeit der Projekte und deren Analysen auf.
Hinweis zur Verantwortung
Dieser Artikel basiert ausschliesslich auf öffentlich zugänglichen Daten, Dokumenten und Informationen, die zum Zeitpunkt der Erstellung verfügbar waren. Ziel ist es, einen Überblick über wiederkehrende Praktiken bei der Entwicklung von Windenergieprojekten in der Schweiz zu geben. Es werden keine Vorwürfe gegenüber natürlichen oder juristischen Personen erhoben. Der Beitrag versteht sich als kritische Analyse im journalistischen und informativen Rahmen.
Eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte dieses Artikels ist hier verfügbar:
Freie Landschaft Schweiz, MdG
Quellen:
Offizielle Website von WES:
https://windenergie-schweiz.ch
https://www.wes-ag.ch/buergerwindpark-schweiz
Offizielle Website von Eifel Investment:
https://www.eifel-invest.com
Zu Bürgerwindparks:
https://www.bfe.admin.ch/bfe/de/home.html
https://www.uvek.admin.ch/de
https://www.srf.ch/news/schweiz/buergerwindparks-wenn-gemeinden-gewerbe-und-bevoelkerung-eigene-windparks-planen?
https://windparkmenzberg.ch/informationen/finanzierungsmodell/?
Lokale Opposition, umstrittene Projekte:
https://www.pro-lebensraum-kirchberg.sg/facts/wes-planung/
https://www.gegenwind-frienisberg.ch
https://kirchlindach.ch/news/2024-11-05/unterlagen-der-informationsveranstaltung-projekt-buergerwindpark?
https://www.swissinfo.ch/ger/neuer-verein-wehrt-sich-gegen-windpark-kirchlindach/89910452
https://www.derbund.ch/search?q=Hier%20sollen%20Windr%C3%A4der%20hin%2C%20doch%20die%20Bewohnenden%20wehren%20sich
Beispiele für Verträge / Risiken:
https://kanzlei-fuer-privatrecht.de/rechtsanwalt-steglitz-grundstuecksrecht/der-grundstueckspachtvertrag-zum-betrieb-einer-windkraftanlage-oder-eines-solarparks/
https://www.caeli-wind.de/ratgeber/detailseite/windkraft-pachtvertrag-so-gestalten-und-verhandeln-sie-erfolgreich
https://keine-windkraft-im-wald.de/windkraft-nutzungsvertraege-die-unsichtbaren-risiken-und-hohen-gefahren-fuer-landbesitzer
(Zusätzliche Quellen und kurze Erläuterungen sind in der Zusammenfassung enthalten.)
