Der Mythos des «Bürgerwindparks»: Die Marionetten im Auftrag der Windkraft-Promotoren

Mit dem Aufkommen neuer sogenannter «Bürgerwindparks» in der Schweiz stellt sich eine zentrale Frage: Welchen Einfluss hat die lokale Bevölkerung bei diesen Initiativen tatsächlich? Zwischen der angeblichen Bürgerbeteiligung und der Kontrolle durch industrielle Akteure scheint die Grenze manchmal fließender zu sein, als es den Anschein hat.

Ein Bürgerwindpark: Was ist das?

Theoretisch klingt die Idee vielversprechend: Man möchte Gemeinden, Landwirte und Anwohner in die Planung von Windkraftanlagen einbinden, die Gewinne mit ihnen teilen und die lokale Verankerung der Energieerzeugung stärken. In der Realität sieht die Sache jedoch ganz anders aus. Hinter diesen Projekten verbergen sich komplexe Strukturen, in denen Fachwissen, Finanzierung und zentrale Entscheidungen überwiegend in den Händen der großen Energiekonzerne liegen. Letztendlich verbleiben auf lokaler Ebene lediglich die durch die Anlagen verursachten Belästigungen und die finanziellen Risiken, insbesondere jene im Zusammenhang mit der Instandhaltung und dem Rückbau der Anlagen.

Wenn die Bevölkerung glaubt, ein Projekt auf den Weg zu bringen…
und dann doch nur eine Nebenrolle spielt

In der Luzerner Zeitung vom 26. März 2026 wird die Geschichte zweier junger Luzerner Landwirte erzählt, die beschlossen haben, in ihrer Heimatgemeinde Doppleschwand in der Nähe des Napf ein Windkraftprojekt auf die Beine zu stellen. Dieses Vorhaben wird in der regionalen Presse als ideale Lösung dargestellt, da es darum geht, den Bau und den Betrieb des Windparks von A bis Z selbst zu gestalten, anstatt sich einem fremden Investor unterzuordnen, und sicherzustellen, dass die Gewinne in der Region verbleiben. Doch sehr schnell holt sie die Realität ein: Mangels technischer Kompetenzen, finanzieller Mittel und Kenntnis der komplexen Verfahren landet ihre Idee im Einflussbereich der ADEV Energiegenossenschaft, die mit ihrem Fachwissen einen immer stärkeren Einfluss auf das Projekt ausübt. Nun stellt sich die Frage: Kam die Beteiligung der ADEV wirklich erst in einer späteren Phase, wie zunächst dargestellt, oder war sie von Anfang an integraler Bestandteil des Projekts? War die Idee dieser jungen Männer so spontan, wie es den Anschein erweckte, oder brauchte es lediglich zwei regionale Bauernopfer, damit das Projekt Gestalt nehmen konnte? Die beiden Landwirte, die sich als Initiatoren und Drahtzieher präsentierten, wurden zu ihrem eigenen Leidwesen zu den Figuren einer Aktion, die ganz woanders entwickelt und gesteuert wurde – mit anderen Worten: Sie wurden zu Marionetten eines Systems, das sie doch gerade vermeiden wollten.

Der Fall Oberegg (AI) ist ebenso aufschlussreich. Der Verein «Jugend Pro Windrad», der als lokale Bewegung präsentiert wurde, lancierte 2019 eine Petition und setzte sich öffentlich für den Ausbau der Windenergie im Appenzell ein. Wie in Doppleschwand scheint alles von der Bevölkerung vor Ort auszugehen, wobei «Einheimische» an vorderster Front stehen. Doch auch hier ist die Realität weniger spontan, als es den Anschein hat, da das Projekt von Anfang an in einen Rahmen eingeordnet war, der von der Appenzeller Wind AG vorgegeben wurde, die für die Untersuchungen und die Entwicklung des Standorts verantwortlich ist. In diesem Zusammenhang scheint das Engagement «der Einheimischen» vor allem dazu gedient zu haben, die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erleichtern, allerdings mit eher mäßigem Erfolg, da das Projekt heute durch Verfahren und Widerstände gebremst wird.

Die Nähe ist nur vorgespielt

Ein weiteres Beispiel, das des Windparks Quatre Bornes, der zwischen dem Val-de-Ruz (NE) und dem Montagne de Sonvilier (BE) liegt, zeigt, dass diese Entwicklung weder ein Einzelfall noch neu ist. Im Val-de-Ruz reichen die ersten Planungen bis Anfang der 2010er Jahre oder sogar noch weiter zurück. Die regionale Presse, insbesondere ArcInfo, berichtete damals von einem Vorhaben, das von den lokalen Landwirten «mit aller Kraft» vorangetrieben wurde. Laut den auf der Website «Les 4 bornes Val-de-Ruz» verfügbaren Informationen sollen die ersten Windmessungen bereits 2006 von den Landwirten selbst durchgeführt worden sein. Wie ist das realistisch möglich? Solche Messungen erfordern technisches Fachwissen, spezielle Geräte und vor allem erhebliche finanzielle Mittel. Und es stellt sich erneut die Frage: Handelte es sich tatsächlich um eine lokale Initiative, oder war sie bereits Teil eines Projekts, an dem externe Akteure beteiligt waren? Wer hat diese ersten Schritte tatsächlich initiiert und finanziert? Im weiteren Verlauf des Projekts traten einige Akteure aus dem Schatten, da Anfang der 2010er Jahre Unternehmen wie Groupe E Greenwatt bei der Entwicklung des Projekts mitwirkten und dessen Aufbau, Finanzierung sowie Umsetzung übernahmen. Bis heute bleibt eine Ungewissheit bestehen: Ist diese Beteiligung tatsächlich erst im Laufe des Projekts hinzugekommen, oder war sie von Anfang an im Hintergrund daran beteiligt?

Lokale Einnahmen. Wirklich?

Hinzu kommt eine weitere Tatsache, die in starkem Kontrast zu dem von den «Bürgerwindparks» propagierten Bild der Bürgernähe steht. Nicht nur stammen die eingesetzten Technologien in der Regel aus dem Ausland, sondern die Projekte selbst, die weit über den lokalen Kontext hinausgehen, lassen vermuten, dass ein erheblicher Teil der Einnahmen die betroffenen Regionen oder sogar die Schweiz verlassen. Tatsächlich planen Konzerne wie ADEV, Groupe E und SIG Windparks oft weit entfernt von ihrem Kanton und in Partnerschaft mit weiteren Unternehmen. EWZ investiert in Windparks und betreibt diese europaweit, während die Windenergie Schweiz AG (WES), die sich als Unternehmen präsentiert, das am Bau von «fast 500 Windkraftanlagen in Europa» beteiligt war, nur dem Namen nach schweizerisch ist: Bislang wurde noch kein Projekt dieser Firma, die von Pariser Investoren finanziert wird, auf unserem Staatsgebiet realisiert (siehe unseren Artikel von letzter Woche). Man kann also sagen, dass in keinem Fall garantiert ist, dass die lokal erwirtschafteten Gewinne tatsächlich in der Region oder gar in der Schweiz bleiben.

Die Möglichkeit, Ja oder Nein zu sagen

Im Grunde geht es hier um weit mehr als nur um Strom; es geht um etwas viel Grundlegenderes: Können die Bürger bei Windkraftanlagen tatsächlich entscheiden, was in ihrer Region gebaut wird? Es kommt nämlich nicht nur auf die Projekte selbst an, sondern besonders auf die Rahmenbedingungen, in welchen die Projekte stattfinden. Kann die lokale Bevölkerung tatsächlich selber entscheiden, hat sie einen echten regionalen Vorteil am Projekt? Oder vermitteln die Promotoren der Projekte lediglich den Anschein davon?

Genau darum geht es bei der Gemeindeschutz-Initiative: Wir möchten den Bürgern die echte Entscheidungsgewalt über die Projekte erhalten, die in ihrer Umgebung geplant sind. Denn ein Windpark kann in der Schweiz nur dann als «bürgernah» bezeichnet werden, wenn er tatsächlich demokratisch von der lokalen Bevölkerung gewollt ist.

Freie Landschaft Schweiz, MdG


Quellen :

Gemeindeschutz-Initiative : www.gemeindeschutz-ja.ch

Waldschutz-Initiative : www.waldschutz-ja.ch

Windenergie Schweiz AG: Der kleine Bruder von BayWa r.e.? – Freie Landschaft Schweiz

Genannte Windpark-Projekte

Diskussionen und Debatten :

Material :

https://renewables.digital/list-of-3-wind-turbine-manufacturers-from-europe
https://www.reuters.com/sustainability/climate-energy/siemens-gamesa-chinese-magnet-suppliers-discuss-european-production-coo-says-2025-06-26
https://balkangreenenergynews.com/eu-green-technology-imports-twice-as-high-as-exports-eurostat

Investitionen und Gewinne fließen international:

https://www.bkw.ch/en/energy/energy-generation/wind-power
https://www.swissinfo.ch/eng/business/swiss-companies-ride-foreign-wind
https://www.ewz.ch/fr/a-propos-d-ewz/durabilite/notre-contribution/energies-renouvelables.html