Wohin mit alten Windturbinen?

Vom Aufbau und Betrieb der Windturbinen ist viel die Rede – kaum aber von ihrem Lebensende. Dabei erreichen weltweit die ersten Exemplare ein kritisches Alter. In Europa werden 80 GW installierte Leistung bis 2030 hinfällig. Das entspricht rund 40’000 Turbinen und einer geschätzten Abfallmenge von 55.000 Tonnen pro Jahr – fast das Dreifache des heutigen Volumens.

Was steckt in einer Windturbine?

Auch wenn sie leicht und aerodynamisch wirkt – eine Windturbine von 3 MW (150-200 m hoch) enthält fast 1’200 Tonnen Material: 840 Tonnen Beton, 300 Tonnen Stahl und 25 Tonnen Verbundstoffe (Glas-, Kohlefasern, Epoxidharze usw.). Dazu kommen die Dauermagnete, die aus Seltenen Erden bestehen. Die grossen Windturbinen können bis zu 6’000 Tonnen wiegen.

Das Problem war voraussehbar

In der Schweiz wie überall werden die Windparks als dauerhafte Lösungen dargestellt, die jahrzehnte-lang Strom produzieren können. Doch eine Windturbine hält nicht ewig: Verschleiss, Abrieb, Leistungs-abfall – die ganze Maschine muss nach durchschnittlich 20 bis 25 Jahren ersetzt werden.

In Frankreich hat diese Tatsache die Behörden veranlasst, ihren Fahrplan zu überarbeiten: Die neue mehrjährige Energieplanung (PPE3) begrenzt die Zahl der Windturbinen bis 2031 auf 11’000 bis 12’000. Für die bereits bestehenden Windparks wird eine Erneuerung gesetzlich vorgeschrieben. Es geht nicht mehr um Ausbau, sondern um die Bewirtschaftung eines alternden Bestandes.
(Siehe hierzu unseren Artikel PPE3)

Drei Optionen, drei Sackgassen

Angesichts alternder Anlagen gibt es drei Strategien : Verlängerung, Ersatz oder Rückbau. Auch wenn alle diese Lösungen von einer guten Absicht ausgehen, hat jede ihre eigenen Widersprüche und Grenzen.

Eine Verlängerung der Betriebsdauer bedeutet eine fortschreitende Leistungseinbusse von rund 0.5 bis 1 % pro Jahr; dies laut dem U.S. Department of Energy «Wind Energy End-of-Service Guide (2024-2025)». Die Rotorblätter nutzen sich durch Witterungseinflüsse, Feinstaub, Regen oder Sand allmählich ab, was ihre Effizienz mindert, während die Wartungskosten explodieren.

Diese Abnutzung wird nicht nur zum Problem für die Rentabilität, sondern auch für die Umwelt. Mehrere neue wissenschaftliche Arbeiten, wie jene des Department of Wind and Energy Systems der Technischen Universität von Dänemark, weisen nach: Die feinen Plastik- und Verbundstoffteilchen, die aus dem Ver-schleiss der Rotorblätter stammen, finden sich wieder in den Böden und Ökosystemen der Umgebung. Die genauen Ausmasse und ihre langfristigen Auswirkungen sind noch umstritten – das Phänomen als solches wird jedoch von der wissenschaftlichen Literatur anerkannt.

Ein Ersatz erscheint daher logisch, bedeutet aber keinesfalls einen originalgetreuen Wiederaufbau. Die neuen Maschinen sind grösser, leistungsstärker und verändern das Landschaftsbild radikal. Wo gestern 90 m hohe Windturbinen standen, ragen heute 260 m hohe – oder höhere – Riesen empor. Damit stellt sich die Frage: Gilt die ursprüngliche Zustimmung noch? Entspricht das, was vor 20 Jahren akzeptiert wurde, noch der heutigen Planung? Kann man davon ausgehen, die seinerzeitige Zustimmung gelte für Jahrzehnte? Freie Landschaft Schweiz engagiert sich dafür, dass jede von Windparks betroffene Gemeinde über die Frage abstimmen kann, wie ihr Territorium genutzt werden soll.

Ein Rückbau wirft eine grundlegende Frage auf: Was wird aus einer demontierten Windturbine?

90 % rezyklierbar : Ein Argument, das Wesentliches verschweigt

Die grossen Energiekonzerne nennen eine beruhigende Zahl, indem sie angeben, 90 % der Materialien einer Windturbine seien rezyklierbar. Diese Behauptung soll aufzeigen, dass das System von A bis Z beherrschbar sei. Doch sie muss relativiert werden:

Erstens gilt sie vor allem für die Materialien, die am einfachsten zu verarbeiten sind : Stahl und Beton lassen sich tatsächlich gut rezyklieren. Trotzdem wird in der Schweiz und in mehreren europäischen Ländern beim Rückbau nur ein Teil der Betonfundamente aus dem Boden entfernt. Der Rest bleibt aus technischen, wirtschaftlichen oder ökologischen Gründen vergraben. Bestimmte Vorschriften erlauben Ausnahmen für den Fall, dass die vollständige Entfernung unverhältnismässige Auswirkungen auf die Böden, die Grundwasserspiegel oder die Baukosten hätte. Diese Praxis erlaubt es, unmittelbar anstehende Arbeiten zu begrenzen – sie lässt jedoch in den Böden eine sozusagen dauerhafte industrielle Infrastruktur zurück.

Zweitens vernachlässigt sie die problematischsten Teile wie die Rotorblätter, aber auch bestimmte Bestandteile des Generators, deren Aufbereitung bis heute komplex und teuer ist und bei weitem nicht flächendeckend erfolgt.

Nehmen wir das Beispiel der Rotorblätter: Sie bestehen aus Glas- und/oder Kohlefasern, die mit  duroplastischen Harzen verbunden sind. Sie sind so konzipiert, dass sie härtesten Wettereinflüssen standhalten; deshalb widerstehen sie auch dem Recycling. Diese für die Betriebsphase unerlässliche Robustheit macht die Trennung der Materialien besonders schwierig und kostspielig. Was die in bestimmten Generatoren verwendeten Seltenen Erden betrifft, bleibt ihre Aufbereitung bis heute rudimentär, da die entsprechenden Verwertungsketten noch wenig entwickelt sind und erhebliche technische Einschränkungen bestehen.

Die insbesondere vom U.S. Department of Energy und vom National Renewable Energy Laboratory durchgeführten Studien zeigen: Die derzeitigen Infrastrukturen erlauben es nicht, die Verbundstoffe der Rotorblätter oder bestimmte kritische Bauteile in grossem Massstab aufzubereiten. Diese Einschränkung lässt daran zweifeln, ob diese Branche die kurzfristig zu erwartenden grossen Abfallmengen bewältigen kann. Unter diesen Umständen werden eher die Einlagerung, die Verbrennung oder die teilweise Verwertung bevorzugt. Was darauf hinausläuft, zu sagen: «Darum kümmern wir uns später».

Die Industrie engagiert sich auf ihre Art

Angesichts dieser Herausforderungen betonen die Projektträger ihre Anpassungsfähigkeit. Über WindEurope, welche die wichtigen europäischen Energiekonzerne vereint, hat sich die Branche dazu verpflichtet, die Deponierung von Rotorblättern ab 2026 zu verbieten – eine Initiative, die als vorbildlich dargestellt wird.

Allerdings beruht diese Verpflichtung vollständig auf Freiwilligkeit, ohne verbindliche Rechtsgrundlage. Das heisst, die Unternehmen definieren selber, wie sie das handhaben. Eine geschickte Art, um zu zeigen, dass man das Thema ernst nimmt – und um zu vermeiden, dass einem die Behörden strengere Regeln auferlegen.

Die Schweiz lagert das Problem aus….

In der Schweiz bleibt das Problem vorerst im Hintergrund, mit einer Ausnahme: Die Windturbine vom Grenchenberg, in Betrieb während fast drei Jahrzehnten, wurde 2021 rückgebaut und danach für den Preis von einem symbolischen Franken nach Polen verkauft. Eine Lösung, die einer bestehenden Anlage ein zweites Leben schenkt und daher pragmatisch, ja umweltfreundlich erscheinen mag. Schaut man jedoch genauer hin, zeigt sich darin vor allem eine wirtschaftliche Tatsache: ein lokales Recycling hätte zweifellos viel höhere Kosten verursacht als die Abgabe der Maschine – und sei es für einen Franken. Im Übrigen ist das Problem damit nicht gelöst, sondern nur zeitlich und räumlich verschoben: Früher oder später muss auch diese Anlage demontiert werden, und es werden sich die gleichen Fragen zum Recycling der Komponenten und zur Übernahme der entsprechenden Kosten stellen. Eine heikle Frage drängt sich auf:  Kann etwas, das in der Schweiz als unzuverlässig oder unrentabel erscheint, anderswo nachhaltig sein?

Im Falle von Grenchenberg hat es der Export ermöglicht, die Frage des Recyclings aufzuschieben, nicht aber sie zu lösen. Doch wird diese «Lösung» wahrscheinlich eine Ausnahme bleiben. Ab dem Jahr 2040 werden mehrere schweizerische Anlagen das Rückbaualter erreichen, und dann wird es nicht mehr um einen Einzelfall gehen, sondern um ein Massenphänomen.

Wer wird die Rechnung bezahlen?

Grundsätzlich leisten die Betreiber finanzielle Garantien für die Rückbaukosten. Aber mehrere amtliche, deutsche Berichte bezweifeln, dass diese den tatsächlichen zukünftigen Ausgaben entsprechen. Inflation, Änderung der Normen, Anforderungen des Recyclings oder die vollständige Entfernung der Fundamente könnten die Arbeiten beträchtlich verteuern. Wenn die Rückstellungen sich als ungenügend erweisen, bleibt die Frage: Wer bezahlt die Differenz?

Nicht zu Ende gedacht

Bei der Planung neuer Windturbinen wird die Frage ihres Lebensendes systematisch in den Hintergrund gedrängt. Und doch hängt davon die ganze Glaubwürdigkeit des Modells ab: Eine Energie kann nicht als nachhaltig gelten, wenn ihre Erzeugung und die Entsorgung ihrer Bestandteile es nicht sind. Zu einem Zeitpunkt, da Europa sich daranmacht, wachsende Mengen von Windturbinenabfall zu bewältigen, hat diese Frage nichts mehr mit Vorausschau zu tun – vielmehr handelt es sich um eine Aufgabe, die dringend gelöst werden muss.

Freie Landschaft Schweiz, MdG


Quellen:

Rückbau der Windkraftanlage auf dem Grenchenberg (Montagne de Granges):
https://suisse-eole.ch/fr/news/demantelement-de-la-plus-ancienne-grande-eolienne-de-suisse-sur-le-grenchenberg/

Woraus besteht eine Windkraftanlage und wie wird sie recycelt?
https://www.mediachimie.org/ressource/avec-quels-mat%c3%a9riaux-sont-fabriqu%c3%a9es-les-%c3%a9oliennes-et-comment-les-recycler

Freiwillige Verpflichtung, Rotorblätter ab dem 1. Januar 2026 nicht mehr auf Deponien zu entsorgen:
https://windeurope.org/news/where-do-wind-turbine-blades-go-when-they-are-decommissioned

Kreislaufwirtschaft in der Windenergie:
https://windeurope.org/about-wind/circularity/

Grenzen der Umsetzung dieser freiwilligen Verpflichtung:
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0921344926000972

Verbrennung von Windenergieabfällen:
https://norwegianscitechnews.com/2026/04/decommissioning-old-wind-turbines-generates-thousands-of-tons-of-new-waste

Rundschreiben des französischen Ministeriums für den ökologischen Wandel:
https://www.bulletin-officiel.developpement-durable.gouv.fr/documents/Bulletinofficiel-0034490/TECR2609184C.pdf

Mehrjährige Energieplanung (PPE3), Frankreich:
https://www.economie.gouv.fr/files/files/2026/ppe3.pdf?v=1772447721

Studie zur Leistungsabnahme von Windkraftanlagen:
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0360544225017840

Freisetzung von Mikroplastik in Luft und Boden:
https://www.mdpi.com/1996-1073/17/24/6260
https://orbit.dtu.dk/en/publications/microplastics-emission-from-eroding-wind-turbine-blades-prelimina
https://premise.dtu.dk

Recyclingstrategien für Windkraftanlagen:
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0921344926000972

Recycling Wind Energy Systems in the United States (US Department of Energy):
https://docs.nrel.gov/docs/fy25osti/87970.pdf

Wind Energy End-of-Service Guide:
https://www.energy.gov/sites/default/files/2025-10/wx-end-of-service-guide.pdf

Decommissioned Wind Turbine Blade:
https://cleanpower.org/wp-content/uploads/gateway/2023/01/ACP_BladeRecycling_WhitePaper_230130.pdf

Auswirkungen der Beimischung von Wasserstoff in Erdgasnetze:
https://docs.nlr.gov/docs/fy23osti/85061.pdf

Social Science Research Network:
https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=5086367

Kosten für Rückbau und Recycling:
https://rechnungshof.rlp.de/veroeffentlichungen/jahresberichte/jahresbericht-2024/nr-13-rueckbau-von-windenergieanlagen
https://dgrsta.com/rueckbaukosten-fuer-windenergieanlagen/

Unzureichende finanzielle Mittel für das Recycling:
https://www.umweltbundesamt.de/en/press/pressinformation/insufficient-recycling-capacities-for-dismantling

Im Boden verbleibende Fundamente:
https://wildbeimwild.com/en/challenges-and-controversies-surrounding-wind-turbine-dismantling
https://eolise.fr/vos-questions/comprendre-leolien/la-reglementation-de-leolien/quelle-reglementation-pour-le-demantelement-des-fondations
https://proceedings.windeurope.org/biplatform/rails/active_storage/disk/eyJfcmFpbHMiOnsibWVzc2FnZSI6IkJBaDdDVG9JYTJWNVNTSWhZV0Z4Y0RCM2F6SmxZMnRvYzI4NGFHUXdjWFZrYkdWd00yeDJid1k2QmtWVU9oQmthWE53YjNOcGRHbHZia2tpQVpScGJteHBibVU3SUdacGJHVnVZVzFsUFNKWGFXNWtSWFZ5YjNCbExXUmxZMjl0YldsemMybHZibWx1WnkxdlppMXZibk5vYjNKbExYZHBibVF0ZEhWeVltbHVaWE11Y0dSbUlqc2dabWxzWlc1aGJXVXFQVlZVUmkwNEp5ZFhhVzVrUlhWeWIzQmxMV1JsWTI5dGJXbHpjMmx2Ym1sdVp5MXZaaTF2Ym5Ob2IzSmxMWGRwYm1RdGRIVnlZbWx1WlhNdWNHUm1CanNHVkRvUlkyOXVkR1Z1ZEY5MGVYQmxTU0lVWVhCd2JHbGpZWFJwYjI0dmNHUm1CanNHVkRvUmMyVnlkbWxqWlY5dVlXMWxPZ3BzYjJOaGJBPT0iLCJleHAiOiIyMDI2LTA1LTE0VDA5OjIzOjUwLjk0OFoiLCJwdXIiOiJibG9iX2tleSJ9fQ==–7d1ff1d696ddb70cfb64f6a942f78de11bfef69a/WindEurope-decommissioning-of-onshore-wind-turbines.pdf
https://www.wind-watch.org/news/2025/12/09/wind-farm-decommissioning-to-leave-giant-concrete-and-steel-foundations-buried-forever

Rückbau der Windkraftanlage auf dem Grenchenberg (Montagne de Granges):
https://suisse-eole.ch/fr/news/demantelement-de-la-plus-ancienne-grande-eolienne-de-suisse-sur-le-grenchenberg/